Jürgen Wenke, Stolpersteinverlegung Barenberg am 20.10.2017

Motivation:

Warum dieses Engagement?
Warum diese Homepage?
Vielleicht interessiert es Sie?

Von Jürgen Wenke

Als ich mich im Jahr 2006 an die Forschungen und Recherchen zum Lebensweg von Dr. Wilhelm Hünnebeck machte, lag ein wichtiger Antrieb darin, dass ich empört war: In Bochum, der Stadt, in der ich lebe, gab es zum damaligen Zeitpunkt bereits ungefähr 60 Stolpersteine, aber keine dieser kleinen Metallplatten im Pflaster würdigte damals in Bochum einen von den Nationalsozialisten verfolgten Homosexuellen.

„Totgeschlagen – totgeschwiegen“ – Das sollte beides doch vorbei sein. Ist es aber leider nicht. Bis heute nicht. Das Beendigen des Verschweigens, dazu kann ich beitragen. Das Erinnern fördern, das wollte ich – zunächst in Bochum. Es gelang: Am 2. November 2007 wurde mit den Forschungsergebnissen der erste Stolperstein zur Würdigung eines schwulen Mannes verlegt: Für den Rechtsanwalt und Notar Dr. Wilhelm Hünnebeck.
Die damalige Entscheidung, mich ehrenamtlich im Stolpersteinprojekt zu engagieren, war richtig. Heute kann ich mich freuen über das, was ich alles dazu gelernt habe über Personenstandsurkunden, Dokumente aus Archiven, Quellen, das Lesen von eigentlich unleserlichen handschriftlichen Originalen, über das Arbeiten von unterschiedlichen Stolpersteininitiativen in vielen Städten, wie man gute Kooperationspartner findet, über das Auffinden von Spuren zu lebenden oder toten Familienangehörigen von Personen, die verfolgt wurden. Diese Liste lässt sich fortsetzen. Auch freut es mich, dass dem ersten viele weitere Stolpersteine folgten und weitere folgen werden.

Am Beginn meiner Forschung im Jahr 2006 stellte ich fest: Es gab im gesamten Ruhrgebiet zwar viele, viele Stolpersteine, aber Homosexuelle wurden nicht gewürdigt. Ähnlich geht es bis heute Wehrmachtsverweigerern/Kriegsgegnern und Euthanasieopfern. Meine Empörung wurde noch größer: Also weitergeforscht von A bis Z. Von A wie Archive, Akten, alte Adressbücher, Angehörige, bis Z wie Zeitzeugen, Zuchthausstrafen, Zwangskastrationen, Zwangssterilisationen. Alles gesucht und versucht, was aus einem Puzzle ein mehr oder weniger vollständiges Bild der Verfolgung und des Lebensweges einer Person macht – und was dann oftmals in einen Stolperstein mündete und außerdem in meinem schriftlichen Bericht zu dem Gewürdigten.

Heute (2018) liegen als Ergebnis meiner Recherchen im Ruhrgebiet und weiteren Regionen von Trier an der Grenze zu Luxemburg und bis in´s Siegerland zur Erinnerung an verfolgte Homosexuelle und zu deren Würdigung zahlreiche Stolpersteine. Im Jahr 2019 wird der Vierzigste verlegt werden. Vierzig unterschiedlichste Persönlichkeiten, einige Lebenswege nur mit wenigen Worten erzählbar, andere mit einer umfassenden Verfolgungsgeschichte dokumentiert aufgrund von hunderten Seiten mehr oder weniger gut erhaltener Akten und Dokumente aus der NS-Zeit.

Auf diesem Weg gab und gibt es viele tolle Begegnungen und anrührende Gespräche mit Personen, die nicht vergessen wollten oder konnten, was mit ihrem Familienmitglied geschehen war – und die eine Würdigung ihres verstorbenen Verwandten, Ehepartners, Vaters, Onkels mit einem Stolperstein begrüßten. Und die manchmal auch durch mündliche Überlieferungen, persönliche Erinnerungen, Fotoalben, Dokumente und in einem Fall sogar durch einen Grabstein (Ernst Papies) die Erinnerung dauerhaft dokumentiert wissen wollten. Manchmal begegnete mir zunächst Unwissen und Erschrecken, oft mündete es in Erleichterung, Zuspruch, Unterstützung, manchmal kamen eigene Forschungen durch Verwandte zustande.
Leider gab es auch Verwandte, die nichts wissen wollten über den verfolgten und ermordeten schwulen Onkel.
Aber es überwiegen die guten Begegnungen, z.B. mit der Tochter, die sichtlich berührt war, als für ihren ermordeten Vater (den sie im Kleinkindalter verlor) ein Stolperstein verlegt wurde; oder mit der Nichte, die empört war über den Mord am Bruder ihres Vaters in Sachsenhausen und die mir das Urnengrab ihres Onkels in der Familiengruft zeigte. Oder die Bereitwilligkeit eines Enkels, die noch erhaltenen Fotos und Dokumente über den eigenen Großvater, der als Homosexueller in Dachau starb, für die Darstellung des Lebensweges zur Verfügung zu stellen. Und der den Stolperstein vor seinem Wohnhaus platzieren wollte. Dem Wohnhaus, das dem Großvater gehört hatte und in dem der Großvater bis zur Verhaftung, Verurteilung und KZ-Deportation gelebt hatte und in dem der Enkel mit Familie jetzt lebt. Oder die zahlreichen Neffen, die sich darüber verständigen, dass es gut ist, den ausgestoßenen, in der Familie verpönten Onkel, der die NS-Zeit verfemt überlebte (und in der Bundesrepublik weiter verfolgt wurde), mehr als 50 Jahre nach dessen Tod „in das kollektive Gedächtnis der Familie zurückzuholen“ durch Würdigung mittels eines Stolpersteins.

Meckern über fehlende Erinnerungskultur? Über das Versagen von Heterosexuellen, die glauben, in ihrer Familie käme es ja nicht vor, sie seien nicht „betroffen“? Es ginge sie nichts an?
Klagen über schwule Männer, die der Illusion erliegen, es sei doch fast alles erreicht in Sachen Akzeptanz? Die nichts wissen über Wurzeln der Vorurteile, die ihnen begegnen?
Das zu benennen, ist mir wichtig, aber sich nicht mit Klagen oder Meckern aufzuhalten, sondern zu handeln für Erinnerungskultur, weil es Gegenwartskultur für Deutschland ist.

Im Laufe von mehr als einem Jahrzehnt sind neben vielen Stolpersteinen für Homosexuelle auch zahlreiche Vorträge in Bochum, Gelsenkirchen, Essen, Witten, Konstanz, Trier, Weimar, eine Buchveröffentlichung über Dr. Wilhelm Hünnebeck („Leben im Abseits“) sowie zwei Erinnerungstafeln (in den ehemaligen Konzentrationslagern Buchenwald und Dachau, siehe „Erinnerungstafeln“) hinzugekommen.

Wenn Sie selbst etwas beitragen möchten: Lesen Sie „Was Sie tun können.

Ich freue mich, mit Dirk Konert zusammenzuarbeiten, der diese wunderbare Homepage entworfen hat und laufend erweitert und gestaltet.
Wir tragen hoffentlich dazu bei, dass sich weitere Mosaiksteine zu einem Gesamtbild zusammenfügen zur Würdigung von Männern, die Männer liebten und dadurch staatlicher Verfolgung in Deutschland ausgesetzt waren. Zunächst bedroht in der NS-Zeit mit dem Tod, dann bedroht in der Bundesrepublik mit weiterer staatlicher Verfolgung, bedroht mit hohen Haftstrafen, sozialer Ausgrenzung, Berufsverboten, dem sozialen Tod durch öffentliche Gerichtsverfahren.
Der Staat Bundesrepublik und seine handelnden Akteure haben nach 1949 in Sachen Würdigung von verfolgten Homosexuellen komplett versagt. Zunächst versagt durch die Weiterführung der staatlichen Verfolgung, danach durch die Weigerung, das Unrecht als ein solches zu benennen und anzuerkennen. Erst 2017 wurden die unsäglichen Urteile gegen Homosexuelle, die in der Bundesrepublik gefällt worden waren, zum Teil aufgehoben und für unrechtmäßig erklärt. Erst im Jahr 2018 hat der Bundespräsident um Entschuldigung gebeten.

Empört Euch!

Dirk Konert, Mediengestalter

„Baujahr 1971. Die Zeit des §175 in der BRD ist in meiner Kindheit an mir vorbeigegangen, nicht aber die extreme Homophobie in der Gesellschaft. Diese irrationale Ablehnung und der krankhafte Hass gegenüber Männern, deren „Verbrechen“ einfach nur die eigene Existenz war, hat mich zutiefst verunsichert. Mir meine eigene Homosexualität einzugestehen und mein mir vorbestimmtes Leben zu leben, war für mich als junger Erwachsener völlig illusorisch. Heute frage ich mich, vor was hatte ich solche Angst? Mir drohte keine Verfolgung, keine Folter, kein Gefängnis oder Ermordung.

An diesem Projekt mitzuarbeiten erfüllt mich mit Ehrfurcht und größten Respekt gegenüber den Männern, die unfassbares Unrecht und Leid in der Vergangenheit erfahren mussten. Selbst als die Terrorherrschaft der Nazis endete, ging die Verfolgung der Männer weiter. Eine Tatsache, die mich sprachlos und wütend macht. Dabei erleben wir gerade im Moment einen nie für möglich gehaltenen Rollback zurück in diese Unrechtszeit. Es gibt wieder Stimmen, die Unmenschlichkeit kleinreden und das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte als „Vogelschiss“ bezeichnen. Ich möchte mit meinen Fähigkeiten als Mediengestalter dagegenhalten und bin Jürgen Wenke sehr dankbar für die Möglichkeit in diesem Bereich an diesem Projekt mitarbeiten zu können. Gegen das Vergessen, für die Erinnerung niemals wieder barbarische Willkür zu tolerieren, die die Welt schon einmal in Trümmern zurückgelassen und unzählige Leben zerstört hat.“  Dirk Konert